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Dienstag, 11. Januar 2011

~ Das Serapeum von Sakkara ~

 
Autor: Anthera
 


Das Serapeum von Sakkara – ein ewiges Rätsel. Oder doch nur deshalb unverstanden, weil es aus einer Zeit stammt, in welcher der antike Mensch so gänzlich anders dachte, handelte und lebte, sodass es uns heute schwierig erscheint, den mit ihm verbundenen Orten die Geheimnisse zu entlocken?

Seit 150 Jahren blickt die interessierte Welt nun schon in dunkle Gänge unterhalb des Wüstensandes und wundert sich über die gigantischen Stein-Sarkophage im Serapeum. Es wird angenommen, dass hier einst die als Gott verehrten Apis-Stiere einbalsamiert und zur letzten Ruhe gebettet wurden. Nur fand sich in den großen Stein-Sarkophagen keine einzige Stiermumie. Vielmehr entdeckte der französische Ägyptologe Auguste Ferdinand François Mariette im Jahr 1851, nachdem er den massiven Deckel entfernen ließ, nicht viel mehr als eine stinkende klebrige Masse, in der kleine, zum Teil zerriebene Knochensplitter und andere Teile von – wie sich später herausstellte – verschiedenen Tieren seit Jahrtausenden vor sich hin moderten. Wie passt diese Entdeckung in eine Grabanlage zu einer Zeit, in der verstorbene Menschen und Tiere mit der größten Sorgfältigkeit und hohem Aufwand bestattet wurden?

Um die Relikte in den Katakomben der alten Ägypter zu verstehen und die Spuren deuten zu können, müssen wir magisch denken!

Die ägyptische „Nekropole“ Sakkara war nicht nur Nekropole, sondern einst über viele Jahrtausende geistiges und kulturelles Zentrum der alten Welt, eine der größten, mächtigsten und reichsten Städte. Schicksalsstation für viele. Lebensursprung, -mittelpunkt und –ziel.
Sakkaras Ruf war über die Grenzen des Reiches hinaus legendär und von weit und fern kamen Pilger in die Stadt – und nicht wenige blieben.

Sie kamen - mitunter alles hinter sich lassend - um sich den Schutz und Beistand der Götter zu erkaufen – oder zu verdienen, denn auch die Pilger brachten Fertigkeiten mit, von denen Sakkara profitierte. Und hier – im heiligen Zentrum der damaligen Welt – waren die Götter präsenter, mächtiger und spürbarer als im Rest des Reiches. Amulette wurden erstanden, in den Tempeln wurde den Fragenden orakelt und die Zukunft geweissagt. Darüber hinaus war Sakkara bekannt für ihre beträchtliche Anzahl der besten und fähigsten Ärzte, Priester und Alchemisten. Aber im Tempel fanden sich auch Rechtsgelehrte. Anwälte, zu denen Menschen kamen, die sich in Streitfragen (Scheidung, Erbstreitigkeiten, Diebstähle etc.) beraten ließen.

Das Serapeum ist ein Bezirk inmitten der Stadt und besitzt einen abgetrennten Tempelkomplex. Oberirdisch sieht man heute nur noch Ruinen, unterirdisch befinden sich langläufige Katakomben, die noch in Takt sind. Das Serapeum war über viele Jahrtausende die große Tempelanlage und das Zentralheiligtum Sakkaras.

Die Wallfahrer und Wanderer kamen zu gesundheitliche Kuren in jenen Serapis-Tempel oberhalb des Serapeums und erzählen den Traumdeutern ihre Träume, woraufhin eine Analyse erfolgte. Die Beratung des Traumdeuters wurde mit der Verordnung des behandelnden Arztes ergänzt. Dem jeweiligen Pilger standen während seines Aufenthalts im Tempel neben dem Arzt und Traumdeuter ein medial beratender Priester/Schamane/Magier, ein Astrologe zur Berechnung der richtigen Zeitqualitäten, sowie ein Alchemist zur Seite.

Die Frage stellt sich eigentlich zwangsläufig: Wo haben die vielen Ärzte und Heilkundigen ihre Medizin hergestellt?

In den Aufzeichnungen Mariettes findet sich übrigens ein wesentliches Detail: Er erwähnt, dass er in der klebrigen Bitumen-Masse „beinah zufällig“ 15 Figürchen und einige Amulette fand. Was jedem Magiekundigen spätestens an dieser Stelle natürlich sofort ins Auge springt: Hier wurde eine Tinktur, eine Essenz, möglicherweise eine magische, von Fetischen unterstützte Universal-Medizin (oder deren Basis) angerührt.

15 Figürchen und Amulette in einer stinkenden Masse voll kleinster Knochensplitter deuten darauf hin, dass es sich hier eben um keine Grabbeigaben (für einen nicht gefundenen Stier) oder für einen Toten handelt, sondern vielmehr darauf, dass der Steintrog zur Herstellung einer größeren Menge eines „Allzweckmittels“ für die Lebenden Verwendung fand. Angesichts der großen Metropole und dem oberirdischen Tempel- und Heilkomplex ein sehr banales und auch nötiges Werkzeug.

Wahrscheinlich haben wir es beim Serapeum also mit keiner Grabanlage, sondern mit einer magischen Alchemisten-Küche oder sogar einer Erzeugnis-Werkstatt zu tun. Eine altägyptische Fabrik, die organisches Material für eine häufig gebrauchte Substanz verwendete.

Die ältesten bzw. größten „Hexenkessel“ der Welt könnten also jene „Steinsarkophage“ im Serapeum gewesen sein. Sie wurden durch die schweren Granitplatten luftdicht abgeschlossen (was auf einen Prozess im Inneren deutet). Der Deckel ist fast so dick und massiv wie der „Sarkophag“ (bzw. Steintrog) selbst.

Magische Figürchen dienten nicht nur den Toten als Begleitung in das Jenseits, sondern auch den Lebenden als Stellvertreter für z. B. Krankheiten. Verschiedene Tiere wurden nachweislich mit bestimmten Leiden verbunden und ihre Knochen oder auch Körperteile zermahlen, um daraus Heilmittel herzustellen. Das ist uns heute aus anderen Kulturen nicht fremd und findet sich u. a. im Papyris Ebers. Auch ist es nach der Sympathielehre, die auch die alten Ägypter kannten, so, dass z. B. ein Mensch mit einem Herzleiden das Herz eines Löwen o. ä. zu sich nehmen musste. Dies geschah sehr wahrscheinlich nicht auf direktem Weg, sondern die Organe wurden entnommen, eingekocht oder zermahlen und daraus eine Substanz hergestellt, die der herzkranke Mensch dann während einer Kur in kleineren Dosen zu sich nahm.

Das Serapeum als Medizin-Manufaktur des antiken Ägyptens.

Wenn wir das nächste Mal in Sakkara sind, lasst uns die Augen offenhalten und das Serapeum unter dem Aspekt einer Art „alchemistisches Laboratorium altägyptischer Apotheker“ noch einmal gesondert (d. h. neu) in Augenschein nehmen.


„…und Vorzeichen haben die Ägypter weit mehr herausgefunden als alle anderen Völker. Wenn nämlich etwas Auffälliges geschieht, achten sie auf dessen Folgen und schreiben sie auf. Bei einem ähnlichen Vorfall in der Zukunft glauben sie dann, es müßten wieder die gleichen Folgen eintreten…“
- Herodot - ( Historien 2, 85)

 

Anthera im Januar 2011

 
 

Copyright © Anthera / Anthera-Verlag
 




Sonntag, 23. Mai 2010

~ Sinnquelle Empirischer Okkultismus ~

 

Autor: Aristophanes

Der empirische Okkultismus ist eine Denk- und Lebensart, die Philosophie, Ethik, Geisteswissenschaft, Versenkung, Kontemplation, Divination, Demut und Disziplin zum Inhalt hat.

Durch den magischen Pfad, die Initiation, d. h. die Metamorphose des Adepten in ein anderes oder neues Paradigma, bei welchem der zunächst Unwissende zu einem Wissenden wird, wandelt sich der Anwender und mit ihm sein Welt-Modell.

Beim Verständnis der praktischen Magie als Lebensphilosophie geht es - Ausnahmen bestätigen indessen selbst hier die Regel – weniger um imponierende Zirkusnummern oder Mental-Tricksereien, damit andere beeindruckt erbeben, als um eine sehr diffizile, da individuelle, vom Anwender ausgehende und folglich primär den Anwender betreffende Form einer persönlichen Welten-Ideologie

Die Magie ist der Weg, der die Seele mit dem Göttlichen vereint, was manche Anwender zu Recht veranlasst, sie als eine persönliche Form der Religion zu betrachten. Wogegen nichts einzuwenden bleibt, auch wenn sich einigen Lesern beim Wort „Religion“ aus bekannten Gründen die Nackenhaare sträuben. Nicht wenige Neuzeit-Magier definieren „Religion“ inzwischen im magischen, mystischen oder neutraler gefasst: spirituellen Zusammenhang schlicht als die Annahme einer (oder mehrerer) anderer Wirklichkeiten oder Welten-Ideologie, die für den Anwender insbesondere eine große Sinn- und Kraftquelle darstellt.

Zur Magie kommen häufig die Charaktere, die nicht von ungefähr die gewöhnlichen Antworten auf die Fragen des Lebens als unzureichend empfinden, denen das Wissen der breiten Masse an einem gewichtigen Punkt nicht genügt oder sich zu viele Antworten auf Fragen des Lebens als widersprüchlich oder gar falsch erwiesen haben. Bisweilen führen genormte Erklärungen zu mehr offenen als beantworteten Fragen und nur das nach bestimmten Regeln Genormte erscheint durch die ebenfalls genormten Erklärungen plausibel. Alles andere bleibt irrational, nicht erklärbar und damit: nicht real. Was bei genauerer Betrachtung unerhört unlogisch ist, denn beispielsweise kennen wir aus anderen Kulturkreisen vermeintlich irrationales Verhalten oder aus der Philologie Wortschöpfungen von uns verborgenen Welten, deren Bedeutung in unsere Sprache nicht übersetzbar ist. Uns bleibt deren Sinn verborgen, solange wir nicht selbst alle Zelte abbrechen, zu diesem Volk zögen und uns durch ihr Vorbild irgendwann jene Emanation des einst unbekannten Wortes offenbar würde.

Andere wiederum empfinden die gängigen gesellschaftlichen Normen als überholt, degeneriert oder unterentwickelt und suchen z. B. nach Hinweisen in der Geschichte der menschlichen Zivilisation, die die Zusammenhänge von Zeitgeist, menschlicher Kultur, Glaubensparadigmen und die persönliche Geisteshaltung verdeutlichen. Anhand der jeweils führenden Glaubenssysteme und die Art und Weise, wie Menschen zu diesen oder anderen Zeiten gelebt haben, lassen sich Rückschlüsse auf ihre persönliche Moral und Ethik, Weltanschauung und Spiritualität ziehen, wenngleich wir auch hier niemals einen Absolutheitsanspruch als wahr annehmen sollten, sondern den Verlauf nur auf die eine oder andere Weise versuchen, zu imitieren. Die Imitation ist wichtig, damit wir das Wesen des Modells nachempfinden können, das abgebildet wurde oder wird.

So hat auch die Normen-Welt ihre Not: Bewegt man sich nur einen Zentimeter von der Norm fort, verändert dies radikal die vorher abgegebene Erklärung und das Ergebnis ist nicht mehr das selbe. Demnach, stellen wir fest, ist die Norm statisch und genormte Werte sind fest und unverrückbar, wenn sie ihre Gültigkeit behalten wollen. Der Neuzeitmensch lebt in einer Welt voll statischer Werte und Ideologien. Und er orientiert sich daran, nicht reflektierend oder über eine schon lange fällige Modifikation nachdenkend.

Dort, wo Wege beschritten werden, die in kein genormtes Schemen passen, beginnt die Welt des Mystikers.
Für diesen stellt sich ein Schlüsselmoment häufig dar, dass die allgemein gültigen Normen (gesellschaftlich, politisch, religiös etc.) dem Einzelnen ab einem gewissen Punkt nicht mehr nutzen und bedeutsamerweise, wenn er mit anderen spricht oder sie beobachtet, feststellt, dass sie auch den Vielen nicht mehr nutzen. Er beschäftigt sich mit der Frage, neue Parameter zu erschaffen, auf die er sich ein- und verlassen kann und die von ihm in Funktionalität, Effektivität und Nutzen erprobt sind.

Der magische Weg liegt jenseits aller natürlich erscheinenden Realität, wodurch sie dem flüchtig Schauenden als reine Fiktion oder Irrationalität erscheint. Was gewissermaßen auch den Vorteil hat, schützt sich die magische Ideologie nämlich dadurch selbst, dass sich der Adept die Funktionalität erst durch das Abschreiten eines langen Pfades und die darin verborgenen Welten Schritt für Schritt erarbeiten muss, damit sie sich ihm offenbart.

Erst durch das unbeirrte Fortschreiten erschließt sich eine tiefere Logik und Sinnhaftigkeit, die den Adepten äußerst befriedigt, war seine Mühe nicht umsonst und bestätigt ihm die eigene Erfahrung nicht selten das, was andere vor ihm und die großen okkulten Meister der Geschichte auf ihrem ganz eigenen Weg erfahren haben. Der okkulte Mentor steht bekanntlich immer vor dem Dilemma, dass er transzendentale und daher abstrakte Erfahrungen mittelbar und für den Einzelnen erfahrbar gestalten soll. Daher wird es nötig, dass er sich seines eigenen Systems bedienen muss.

Der magische Weg gleicht also einem unsichtbaren Pfad, der sich nur zu besonderen Zeiten als Hauch in der realen Welt abbildet. Es macht wenig Sinn, sich über Magie zu unterhalten, wenn man beim Auftauchen eines magischen Nebenschauplatzes lieber schnell die Flucht ergreift, weil man fürchtet, die andere Realität jenseits der bekannten Norm, zu betreten. Diese Angst bezieht sich allerdings weniger auf die Erfahrungen oder die Eindrücke, die man von dort in die Rationalität des Alltäglichen mitnehmen könnte, sondern basiert auf dem Aberglauben, dass man verrückt wird oder als verrückt bezeichnet wird, sobald man andere Realitäten als die genormte betritt. Was mich zu dem Schluss führt: Wahnsinn ist theoretisch überall denkbar. Der Materialist ist mit Sicherheit nicht mehr und weniger wahnsinnig als der Idealist. Und realistisch betrachtet kann man nur mutmaßen, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand des Nachts beim Träumen oder Umherwandeln in einer Welt, die anders ist als die Alltagswelt, wahnsinnig geworden ist.

Die Angst des Beobachters, bei geistig-okkultem Realitätsabgleich in den Irrsinn zu verfallen, ist mindestens ebenso psychologisch auf falschen Annahmen basierend wie irrational.. Es liegt hier wie auch sonst alleinig an der Persönlichkeitsstruktur des Anwenders.

Selbstredend können und werden auch die spirituellen Bereiche gelegentlich von psychisch labilen Menschen als Ventil hergenommen. Genauso häufig, um nicht zu sagen um ein vielfaches mehr (da in der Überzahl) gibt es allerdings kranke „Realisten“, die durch ihr unzumutbares Dogma und zum Teil auch heftigst ausgelebten Fanatismus in die Irrationalität abgleiten. Daher spielt es außer für den Anwender auch keine Rolle, denn der empirische Okkultismus kann sich nur durch den Anwender und seiner diesbezüglichen Begeisterung sowie der stetig voranschreitenden Verwandlung und Veredlung des magischen und menschlichen Charakters offenbaren.

Der Okkultismus enthält eine Vielzahl an Modellen (Paradigmen), zwischen denen sich der Magier hin und her bewegen kann (insbes.die Chaosmagie legt sich hier nicht fest und modifiziert und verwirft magische Modelle je nach Funktionalität). Die meisten Okkultisten legen sich nach einiger Zeit jedoch auf eins oder ein paar wenige favorisierte Modelle fest, die sich innerhalb ihrer magischen Tätigkeiten bewährt haben oder für die sie interessieren. Da sich diese Ausrichtung nach der Beschaffenheit und den persönlichen Neigungen des Magiers richtet, kann an dieser Stelle unmöglich eine Empfehlung für ein alltaugliches Magie-Paradigma gegeben werden. Einige Modelle seien hier aber dennoch für weitere Nachforschungen in der Kürze erwähnt: Geister- oder Schamanenmodell, kybernetisches/Informationsmodell, Energiemodell, Metamodell sowie diverse Mischformen.

Wien im Mai 2010

Copyright © Aristophanes / Anthera-Verlag
 




Sonntag, 18. April 2010

~ Zauber wirkende Musik ~

 

Autor: Anthera

Um etwas Ewiges zu schaffen, muss der Mensch bekanntermaßen über sich hinaus wachsen. Nicht klein, sondern groß werden muss er dafür. Und er darf das Über-sich-hinauswachsen nicht fürchten. Ein episches Werk berührt den Großen Geist des Menschen auf sonderbare Art.

Heute wird zu wenig berücksichtigt und nicht wahrgenommen, was solche, oft zeitlosen Werke im Menschen bewirken, der sich eben nicht entzieht, sondern sich der Stimmung hingibt, annimmt, was in ihm erklingt, in ihm entfacht, d. h. es öffnen sich dabei Fenster in der Erinnerung an das Erhabene in ihm, an das manchmal in weite Ferne Entrückte. Durch ständige Banalitäten von ihm abgetrennt, entfernt, durch niedere Einflüsse, sich in sein Bewusstsein festzeckend, keinen Raum mehr für das Erhabene übrig lassend, ihn komplett einnehmend. Was bleibt sind die uns bekannten blassen Gesichter, von der Gewohnheit verzerrt, glanzlos und verkümmert das einstige Erbe – das königliche, heilige Versprechen seiner Schöpfer.

Zum Bittsteller hat er sich erniedrigen lassen, zum Spielball der Verborgenen, derjenigen, die im Dunklen agieren. Die Todesmaschine der Seele, getrennt von seiner Heimstatt, seiner Muttererde, der Seele seines Clans, der Religionen, dem geistigen, kulturellen und dem Ewigen seiner selbst – dem unsterblichen Gemüt, aus dem er verlernte zu schöpfen und so abfiel von früherer Schönheit und Glanz zu einer Schreckenskreatur, kraftlos mit gebrochenen Augen, von dem sich alles abwendet, was lebt, liebt, sich leidenschaftlich vereint. Stattdessen gibt er alles, was er hat an das Niedere, das Oberflächliche, damit ihn nichts mehr berühren kann – oder berühren muss… Darüber verkümmerte er und freut sich noch über die Gnade, es nicht bemerken zu brauchen. Gesegnet ist er vielleicht mit der Unbekümmertheit seiner Ahnungslosigkeit und gleichzeitig gezeichnet.

Erhabene, königliche, ewige, epische, den Archetypus weckenden und die Seele in Brand steckende Musik wurde in Zeiten des dunklen Regiments wegen seiner Macht verboten, mit dem Tode bestraft, dem Teufel zugesprochen, vernichtet, der „Empfänger“ des Genius als Unhold verfolgt, verurteilt, da er es wagte, den Menschen mit anders gearteten Mächten zu verbinden. Manche Musik war schon immer Macht, manchmal Besessenheit, wie in etlichen bekannten Fällen, als sterbenskranke, körperlich-siechende Komponisten angetrieben durch eine unsichtbare Übermacht ihr Lebenswerk vollendeten und nach Abschluss tot zusammenbrachen – um unsterblich zu werden. Brennende Leidenschaft und die Ahnung der Größe dessen, was nur durch sie geschaffen werden konnte, veranlasste den Menschen zu Höherem, zu unvergänglichen, ewigen Werken.

Wird einem sterblichen Menschen etwas derart Großes aus der geistigen Welt (die Welt aus der Künstler, Dichter, Denker, Komponisten schöpfen) gegeben, bedeutete dies, dass dieser Mensch nicht nur Macht über die geistige Intelligenzia, sondern mit diesem Werk auch Macht über Menschen hatte. Er wurde zu einem, der scheinbar die okkulten Geheimnisse kannte und in den Dialog mit einer übermächtigen Natur getreten war, denn nur im entrückten Zustand, in der Zurückgezogenheit gelingt ihm eine große Schöpfung. Wie jedes Epos aus einem entrückten Zustand und aus der Zurückgezogenheit aus dem Alltäglichen und durch die Hinwendung zum Nicht-Alltäglichen entstanden ist.

„Der Himmel erhöht ihn und öffnet ihm die Pforte zu Offenbarungen, weil er den Himmel dazu zwang, denn gebeten hatten vor ihm schon Tausende um ähnliches, was ihnen versagt blieb. Auch dem Himmel größere Diener als dieser. Was macht ihn also zu einem, dem der Himmel gehorcht, wenn nicht – Zauberei?“

Ich fand diese Gedankengänge schon immer äußerst interessant und habe mich deshalb intensiver mit der Wirkung von musikalisch unterschiedlichen Werken auf magische Vorgänge befasst. Ziel ist hier aber nicht, einzelne Werke zu benennen, ich kann mir aber vorstellen, das an anderer Stelle irgendwann noch einmal separat aufzugreifen (welche Musikstücke bewirken was usw.).

In o. g. Ausnahmefällen wurde also offenbar davon ausgegangen, dass nur seine persönliche Macht es dem Schöpfer eines Meisterwerks erlaubt, dass Geister ihm schenken, was andere vergeblich begehren. Denn den Zugang zu den höchsten Mächten – so war es schon immer – muss man sich erringen, weil das „Geheimnis“ sich ewig allein durch sich selbst schützt. Einem Sterblichen kann es – bei Gott! – nicht gelingen, das Himmelreich und seine Geister zu schauen, wenn er nicht mit dem Teufel selbst einen Bund geschlossen hat – so eine damals weitläufige Meinung.

Das Hinzuziehen von Musik (sakral, episch, meditativ etc., wichtig ist hier nur die Kraft und Stärke, die den Geist des Anwenders über die irdischen Begrenzungen hebt) kann für praktisch arbeitende Magier von größter Bedeutung sein. Musik durchdringt u. U. Welten, je größer und bekannter das Meisterwerk, desto größer die Reichweite. Große universelle Werke werden – so berichten es schon Universalgelehrte der letzten Jahrhundert – bis in die höchsten Himmel vernommen und zwar über die Art wie diese unsere uns umgebenden Körper verändert. Je nach Musik und die dadurch herbei gerufenen Empfindungen, die uns nicht zufällig, sondern beabsichtigt *über-kommen*, können wir durch Auswahl des passenden Stücks oder Werks auf erstaunliche Art andere Möglichkeiten in unser Leben ziehen (vergleiche hierzu auch das hier vor einiger Zeit schon einmal näher betrachtete Kapitel über Zaubergesänge). Das gleiche Prinzip kennen wir vom sogenannten Mond herunter singen, Regen singen, Geister durch Gesänge ermächtigen, die Macht der Worte, „Gutes“ oder „Böses“ beschwören. Wir müssen dieses Prinzip nur verstehen lernen.

Durch seine Rituale bringt sich der Magier/die Hexe/der Schamane in eine Stimmung, die sein Unterbewusstsein – das eigentliche Machtzentrum des Menschen – beeinflusst, es auf die neue Realität einstimmt und diese gleichzeitig in seinem Lebensplan fixiert, d. h. er schafft sich selbst eine neue Tatsache, von der er will, dass sie sich in seinem Leben manifestiert.

Die jeweilige Stimmung beinhaltet die Grund-Essenz der neuen/anderen Realität (z. B. Wut, Trauer, Euphorie, Liebe, Hass, Freude, Schöpfung, Vernichtung). Richtlinie ist hier – wie im Grunde überall in der okkulten Lehre – die Willenskraft, hervorgerufen durch bestimmte Emotionen, die man zum Zweck der magischen Arbeit auch „künstlich“ herbeiführen kann. Es ist entgegen der Überzeugung vieler esoterischer Strömungen, die sich oft auf etwas berufen, das sie selbst im Kern nie erforscht oder erfahren haben, kein Widerspruch, dass ein hohes Maß an Wut etwas Großes, Neues oder gar Gigantisches im Leben bewirken kann, einen längst fälligen Wandel, die Absprengung von schädlichen Einflüssen, eine ehem. Unwahrscheinlichkeit usw.

Es ist immer noch besser, aus der brennenden Kraft der Wut (einer extrem starken Kraft) heraus Neues zu erschaffen als ein halbherziges Gebet in den Äther zu kippen, weil es gerade „ganz nett“ wäre, wenn dieser oder jener Umstand eintreffen würde, es aber auch keine Rolle spielt, wenn nichts passiert, weil man eh nicht damit rechnet…

Wenn die Stimmung nicht „brennt“, für den Anwender nicht unhaltbar, kaum zu ertragen wird, weil sie aus ihm herausbrechen will (ich hörte „manchen“ dazu von der im Menschen wohnenden, aber in der Regel unterdrückten, weil manchmal zerstörerischen „Drachenenergie“ sprechen – dem einen oder anderen wird dieser Hinweis für eigene Forschungen in diese Richtung evtl. nützlich sein), dann bewirkt sie auch nichts.

Wer keinen Drachen oder Vulkan in sich und aus sich heraus gebären lassen kann, kann nichts deutliches, reales, sichtbares, brennendes, verwirklichtes und auch „undenkbares“ hervorbringen, da seine Flamme nur schwach brennt und beim kleinsten Windhauch erlischt.

Was bleibt ist seine Sehnsucht, da er den Hauch der Ewigkeit bereits geatmet, aber nicht in sein Leben „herunterbringen“ konnte. Eine kleine Narbe, eine schwache Erinnerung im Raum, die nie ganz verhallt, weil sie einmal Möglichkeit, aber niemals wahrscheinlich war, da für das „Leben“ zu schwach.

Dabei hast Du nur zu wenig gebrannt, als dass Dein Feuer andere Dimensionen hätte erreichen können.

Das gilt übrigens auch für die anderen Elemente unserer Welt: Erde, Wasser und Luft. Die größtmögliche Kraft der Erde äußert sich bekanntlich in der Gewalt eines gigantischen Erdrutsches, einem gewaltigen Erdbeben, also dem Versinken Deines alten Paradigmas in der aufbrechenden Erde. Beim Thema Luft wäre es z. B. die Kraft eines Wirbelsturms. Diese befähigt ihn zum Wirken von Taten, die über das „magische Mittelmaß“ herausragen können.

Es ist der Umgang mit dem entfesselten Chaos, das Betrachtern und Nicht-Okkultisten (aber auch durchaus Magie-Kundigen) gewöhnlich Angst macht. Dabei erfordert diese Arbeit in der Regel „nur“ ein hohes Maß an Disziplin und Konzentrationsvermögen, das nicht so unmöglich zu erreichen ist, wie es manche vermuten.

Der Mensch vereint – zumeist unwissentlich – alle diese elementaren Kräfte in sich, fühlt sich gemäß seiner Persönlichkeit aber häufig zu einer oder zwei Kräften mehr hingezogen als zu den anderen. Diese Hinwendung ist mit seinem Schicksal verknüpft (was sich auch in seinem Geburtshoroskop äußert) und hier liegt der Schlüssel zur Lenkung seines Schicksals. Er ermächtigt ihn, gleichzeitig fürchtet der um seine Macht Wissende, wenn er noch nicht lange mit diesen Kräften arbeitet, die Folgen seines eigenen Handelns. Daher wird es wichtig, dass er lernt, seine Möglichkeiten genau kennenzulernen, seine Kräfte richtig einzuschätzen und auf die Suche nach Antworten auf die Fragen „Ist dieses Ziel die Entfesselung des Feuers wert?“ (Er muss nämlich auch immer mit seinen Kräften haushalten und wird nichts Überflüssiges angehen, weil ihn die hohe Konzentration und die Vitalkräfte, die er aufbringen muss, für eine Zeit lang selbst körperlich und geistig schwächen kann).

Welches Ziel benötigt welche Stimmung, damit die das Chaos gebärende Kraft einer Art kosmischen Urschreis gleicht, der alle Schichten des Seins bis zum Urgrund durchdringt? Der nicht „überhört“ werden kann, der auch den formgebenden Geistern nicht entgeht, weil er ohne Zweifel, absolut und willensstark ist.

Nach dieser Stimmung wird der Magier/die Hexe/der Schamane seine Musik auswählen, sich zurückziehen und sich diesem Werk hingeben, z. B. in einer Meditation oder einem mentalen Ritual, bei dem das Lied, die CD oder das musikalische Werk immer wieder abgespielt wird bis sich nach einiger Zeit der Übung vor dem inneren Auge die zugehörigen Bilder (=Was will ich bewirken?) verselbständigen,

Es ist wichtig, dass man diese Form der Visualisierung übt, wenn man Erfolge haben will.

Nach einiger Zeit spielt sich, wenn das Übungsziel erreicht ist, vor dem inneren Auge ein zusammenhängender „Film“ mit dem Inhalt des neuen Paradigmas ab, Du wirst in diesen Sitzungen dann vom Lenker zum Beobachter, Dein Unbewusstsein weiß nämlich, was Du als Ziel gesetzt hast und setzt nach einiger Zeit die Bilder nach der Musik zusammen, die einzelnen Elemente/Bilder/Szenen bleiben interessanterweise steuerbar und können bei anderen Gelegenheiten (luzides Träumen, automatisches Schreiben etc.) verwendet werden.

Über sein Unterbewusstsein aktiviert der Magier sein eigenes Feld und zwingt dadurch sowie durch sein der neuen Situation angepasstes Verhalten bestimmte Möglichkeiten durch Zugabe seiner Vitalkraft zu Wahrscheinlichkeiten zu werden, die wiederum einen Prozess durchlaufen, bis sie in der materiellen Welt „ankommen“.

Dabei ist der Magier Gefäß, Tempel, Transformationskanal und Gebärender in einem. „Durch sich selbst“ kann er alles in seinen Kosmos hinein rufen, denn nur durch sich selbst hat er die größtmögliche Macht durch Kraft, Willens-, Wirk- und „Wegerecht“. Hier bestimmt er, was kein anderer für ihn in der Form bestimmen kann.

Nur durch die Übung an sich selbst lernt er seine wahren Möglichkeiten und Grenzen seiner okkulten Kräfte verstehen, was ihm dabei hilft, grundsätzlich auch andere Realitäten für andere zu bewirken. Auch wenn hierbei leicht abgewandelte Kriterien zu erfüllen sind.
Aber dazu vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt in einem anderen Kapitel mehr.

Anthera


Copyright © Anthera / Anthera-Verlag



Sonntag, 21. Februar 2010

~ Jenseits der Wahrscheinlichkeit ~ Teil 2

 

Autor: Anthera

Dem experimentellen Magier geht es darum, Möglichkeiten zu Wahrscheinlichkeiten zu machen, indem er eine Notwendigkeit erschafft. Und weil sie notwendig geworden ist, aus dem Schöpfungsprozess in die Realität „herab“ fließt.

Wie kann sich der ECHTE (=magische) Wille materialisieren? Dem echten Willen steht hier der „unechte“ Wille gegenüber. Dieser agiert nur innerhalb der „niederen“ Gefilde. „Nieder“ bedeutet im übrigen nicht „minderwertig“, sondern, dass sein Kreislauf ist sehr begrenzt ist. Er hat einen kleinen Radius, wobei man das angestrebte Ziel häufig ohne große Mühe selbst mit niederen Mitteln erreichen kann (z. B. Konsum: Ich will ein neues Möbelstück, spare und kaufe es mir in 5 Monaten). Das Ergebnis ist hier vorher schon absehbar und hat die Wahrscheinlichkeit nicht gegen sich. Bei einem ganz bestimmten Möbelstück, das bspw. 50.000 Euro kostet, sieht es hingegen schon anders aus. Dieses Ergebnis befindet sich außerhalb des direkten Radius’ eines „Durchschnittsbürgers“ und er muss seinen Radius an Möglichkeiten erweitern, wenn er dem zunächst überhaupt erst einmal entgegen kommen will, d.h. ich vergrößere die Wahrscheinlichkeit.

Der Radius lässt sich nur erweitern, indem ich mir die einzelnen Schöpfungsebenen Schritt für Schritt erarbeite, d. h. so lange vornehme, bis ich sie im Einzelnen und dann im Besonderen (also zusammenhängend als Einheit) in mein Denkmodell übernommen habe. Und mir bewusst vor Augen führe, dass ich hier einen Werdungsprozess einläute, d. h. neue Paradigmen sollten nicht angerissen, sondern verinnerlicht werden.

Wenn ein Wille die Wahrscheinlichkeit gegen sich hat, ist es an dem Magier, diese Wahrscheinlichkeit herzustellen, indem er eine Notwendigkeit erschafft. Wahrscheinlich liegt hier die Schwere dieser Übung. Ist es denn „notwendig“, wenn ich 50.000 Euro für ein Möbelstück ausgebe? Wahrscheinlich *!* nicht, also werde ich den Gedanken i. d. R. auch nicht weiter spinnen. Das Spinnen jener „Lebensschnur“ oder Leitfadens – so lernen uns die 3 Nornen (Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft oder Gewesenes/Seiendes/Werdendes) ist aber für den Schöpfungsprozess wesentlich.

Der Magier oder der angehende Magier muss integrieren können, dass eine Möglichkeit immer nur bedeutet, dass das Szenario nur möglich (aber nicht zwingend wahrscheinlich und schon gar nicht unbedingt notwendig) ist. Möglichkeiten bleiben Möglichkeiten, d. h. sie verlassen den unsichtbaren Ideen-Raum nicht bzw. wenn sie ihn verlassen, verlieren sie ihre Eigenschaft (= „möglich“) und bekommen das Attribut „wahrscheinlich“, d. h. sie werden zur Wahrscheinlichkeit. Dazu muss der Magier nun aber ebenfalls die Ebene des Möglichen gedanklich verlassen und in die Erforschung des Reiches der Wahrscheinlichkeit übergehen und sich fragen, welche Voraussetzung er schaffen muss bzw. wie er den Vorgang formen kann, damit sich das Wahrscheinliche manifestiert.

Wir können also davon ausgehen, dass jede Wahrscheinlichkeit vorher eine Möglichkeit war. Treibender Motor ist – wie weiter oben schon erwähnt – die Notwendigkeit.

Wie ergießt sich nun das „Erhabene“ in das „Gewöhnliche“ (das „obere“ Gefäß in das „untere“?) Und ist es zwangsläufig so, dass dabei das Gewöhnliche dadurch erhaben und das Erhabene gewöhnlich wird? Wenn wir es probieren, wertfrei zu betrachten, also nicht in den Denkschemata erhaben=gut, gewöhnlich=schlecht, und es z. B. in die Attribute erhaben=aus den höheren feinstofflichen Sphären stammend und gewöhnlich = in die grobstoffliche Sphäre geflossen (die wir *gewohnt* sind).

Liegt die Schwierigkeit also darin, dass wir das Erhabene nur unzureichend mit irdischen Maßstäben messen können weil es – wenn es in die Materie kommt – gewöhnlich wird?

Umgekehrt wird das Gewöhnliche in den höheren Sphären erhaben und ist außerhalb der Grobstofflichkeit nicht länger gewöhnlich, d. h. wir müssen davon ausgehen, dass das Umfeld die jeweilige Charakterisierung gestaltet. Um etwas zu erhöhen, muss man es auf die erhabene Sphäre bringen und umgekehrt.

Die nächste Aufgabe wird darin liegen, die sphärischen Mechanismen zu benennen, durch die ein Ziel erreicht werden kann, das sich außerhalb des persönlichen Aktionsradius befindet und diese in mehreren Einzelergebnissen zu protokollieren. Durch welche Charakteristika kann eine (vermeintliche) Unwahrscheinlichkeit in eine Wahrscheinlichkeit und wie kann die Wahrscheinlichkeit ganz konkret in eine Notwendigkeit gegossen werden… ?

Anthera, im Februar 2010


Copyright © Anthera-Verlag / Anthera



Donnerstag, 22. Oktober 2009

~ Seidhr – Urform der europäischen Magie ~

 

Autor: Anthera

Die Seidhr-(nordisch: Seiðr)-Magie ist eine uralte magische Technik der indoeuropäischen Völker. Sie wurde nach dem spirituellen Kosmos der damaligen Kulturen den Menschen vom Göttergeschlecht der Vanen beigebracht. In der Überlieferung waren es häufig (aber nicht ausschließlich) weibliche Mitglieder der nordischen Völkergruppen, die sich mit Seidhr-Magie beschäftigten. Sie ist nur noch fragmentarisch überliefert und erfordert daher ein hohes Maß an Eigeninitiative, um Erkenntnisse darüber zu erlangen, wie Seidhr anhand der noch erhaltenden Bruchstücke wahrscheinlich angewendet wurde.
Die lenkende Macht des Seidhr ist die Vorstellung der Kraft aus sich selbst heraus, d. h. diese uralte Form der Zauberei kommt im Kern ohne äußerlich anzuwendende Hilfsmittel aus. Sie bedient sich der eigenen Kraft unter Zuhilfenahme der 4 Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde.
Um Prozesse zu beleben, zu beschleunigen, um zunächst unbeseelte (tote) Dinge mit Leben zu füllen, neue Lebensformen zu erschaffen oder sich mit den unsichtbaren Welten zu verbinden wurden Gegenstände, Bilder, Imaginationen, heilige Orte, Menschen, Tiere oder Haushaltsgegenstände besprochen oder je nach Intensität und Zweck auch besungen. Die Wirkung lag dabei in der „richtigen“ Intonation. Der Gegenstand wurde durch Gesang beim „Namen“ genannt, Namen nicht als Folge von Buchstaben gemeint, sondern als Verkettung verschiedener „Essenzen“ (einzelner Buchstaben) zu einem harmonischen Ganzen.
Durch die Stimme des Seidhr-Magiers wird der zu besingende Gegenstand zu einer u. U. neuen, ätherischen Gestalt gebracht, d. h. man kann die Schwingung je nach gewünschtem Resultat erhöhen oder reduzieren, um bestimmte Wesensveränderungen oder das Herausstreichen einer Absicht zu bewirken.
Ein verlorenes Gleichgewicht kann wieder hergestellt werden, z. B. wenn ein Mensch aufgrund einer Krankheit niedrigfrequent schwingt, und zwar durch Ausgleich und Erhöhung der Frequenz im Sinne der Harmonie und des Hinwirkens auf ein in uns selbst ruhenden Heilungsvermögens. Von außen kann den Menschen nichts heilen, wenn er innerlich nicht die Weichen dafür stellt. Deshalb liegt nah, dass Heilung allein im Außen niemals möglich ist.
Die Tradition von Zaubergesängen führt uns sicherlich bis zu den prädynastischen Wurzeln menschlicher Existenz. Lange ist es kein Geheimnis mehr, dass fast überall auf der Welt Völker existierten und existieren, die zu bestimmten Zeiten oder zu bestimmten Zwecken Naturgewalten, Menschen, Tiere und Götter besangen, um sie für sich einzunehmen.
Der Seidhr-Mensch hebt die irdischen Grenzen mit dieser Technik auf, kann über höhere Selbste mit anderen Welten kommunizieren und erhält Antworten auf die Themen des alltäglichen Lebens. Seidhr ist Lebenshilfe pur und ganz direkt. Klar und schnörkellos.
Das Prinzip des Gleichklangs finden wir z. B. auch bei den Stimmgabeln wieder. Angeschlagen erzeugen sie einen bestimmten Ton und ihre Schwingung wird auf die unmittelbare Umgebung übertragen, setzt sich sogar in dieser fort. Der angeklungene Gegenstand verhält sich dann genau wie sein Klang, der vorgegeben wurde. Er klingt in A oder C, eben wie die Gabel.
Das verstanden die Indoeuropäer u. a. unter Seidhr. Das Wort ist sehr alt, sodass keine eindeutige Überlieferung der ursprünglichen Wortbedeutung überlebt hat. Als gesichert gilt der Zusammenhang mit den Vanen und der Zauberkraft, mit denen die Vanen die Asen so sehr reizten, dass es sogar zum Krieg zwischen den beiden Göttergeschlechtern kam.
Mit der Seidhr-Technik sind wir jedoch nicht nur. in der Lage, Klangkörper zu erschaffen, die sich miteinander in Harmonie befinden.
Es überrascht nicht, dass aufgrund der alten und langen Tradition des Seidhr in der Abendländischen Kultur viele Zauberformeln in Gesänge eingewebt wurden und so zu überlieferten und auch verbotenen Zaubergesängen wurden. In der jüdischen Mystik ist uns das Prinzip der Kabbala bekannt, die von der Kraft einzelner Buchstaben ausgeht, die intoniert bestimmte Kräfte beinhalten, die man für sich nutzen kann. Ein Name hat daher auch immer eine ganz bestimmte Qualität, wie weiter oben schon einmal beschrieben, ist es weniger der Namen selbst, sondern die einzelnen Buchstaben, die intoniert eine bestimmte Kraftkonzentration ausmachen. Jeder Buchstabe, jeder gesungene oder intonierte Ton bewirkt dabei einen ganz speziellen Aspekt in der materiellen Realität.
Gebete, Anrufungen, Beschwörungen, geflüsterte, gesungene oder gesprochene Formeln (bereits existierende oder für einen eigenen Zweck erschaffene) fallen unter diese Tradition. Aber auch Trance-Reisen, Divination und der Kontakt zu den Ahnen.
Das Wort oder der Buchstabe selbst hat hier die Macht, der Zaubergesang erweckt diese durch das Werkzeug Stimme zum Leben, da es von der Existenz bestimmter Kräfte ausgeht, die im „gesprochenen Wort“ (bzw. Buchstaben) inne wohnen.
Als Trancetechnik verwendet kann man über die astralen Ebenen mit der Seidhr-Technik auf die Realität einwirken. Dazu wird es notwendig, dass ein (innerer) Raum geschaffen wird, das wir uns wie ein Zimmer, das wir selbst gestalten, auf der astralen Ebene vorstellen können. Dies wird der Ausgangspunkt aller Seidhr-Aktivitäten.
Ziel dieser Raumschaffung ist zum anderen auch die Reduzierung großer, aufwendiger und manchmal nicht praktikabler Ritualabläufe auf das Wesentliche. Rituale sind gut und richtig, auch wichtig, um komplexe okkult-magische Zusammenhänge zu verstehen, sie müssen aber nicht immer zwingend sein. Die Seidhr-Leute kommen in der Regel auch ohne große Ritualistik aus, manchmal befindet man sich auch an einem Ort (z. B. im Urlaub), wo man nicht alles (oder auch mal nichts) zur Hand hat.
Bei dieser alten Technik, die ein in sich geschlossenes magisch-okkultes Weltbild ergibt, geht es primär um den Gleichklang, um die Harmonisierung, das Aussenden und Empfangen in einem, das der selben „Form wegen“ auf eine gleiche oder ähnliche Frequenz bringen ( „wie…“) oder auf die Schwingung eines Zustands, den ich (noch) erreichen will. Seidhr ist die klassische Form einer magisch-okkulten Simulation.
Das Prinzip ist metaphysisch-okkult betrachtet auch so zu beschreiben:
Wenn Du willst, dass der Frosch zu einem Wolf wird, dann behandle ihn auch ohne Zweifel als einen solchen. Nenne ihn Wolf, suggeriere ihm in allem, was Du tust und denkst, er sei ein Wolf. Und er wird nicht mehr quaken, sondern heulen…

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Donnerstag, 11. Juni 2009

~ Selbst ist der Magier ~

 

Autor: Aristophanes

Über das Wesen der magischen Zunft

Das Wesen des Magiers zeichnet sich im Wesentlichen durch ein hohes Maß an Tugendhaftigkeit aus. So ist zu verstehen, warum man ihn einerseits nur schwer erfassen, andererseits unmöglich zu ergründen vermag. Denn Geisterhaftigkeit umweht ihn und sein Weitblick gipfelt im Fundament allem menschlichen Strebens. Der ernsthafte Magier kann sich sein magisches Gemüt, aus dem heraus er wirkt, für gewöhnlich nicht in wenigen Lektionen aneignen. Er ist neben dem Geisteswissenschaftler auch immer dessen direkter Handlanger und ausführendes Organ seiner Imaginationen. Die Komplexität seines Lebens und Wirkens ist seine Lektion.

Der Magier gilt weitläufig als Nonkonformist, als Einsiedler, eigentümlich und sonderbar, jener ewige Widerstreiter mit den allgemeingültigen Wahrheiten und den Naturgewalten, die da unentwegt in die physische Welt raunen und rufen, dem Menschen zum Nutzen und zum Trotze, und welche doch einlenken in der Gegenwart des dargebrachten Verhandlungsgeschicks, der Ermächtigung und der dem Magier inne wohnenden Wendigkeit.

Er ist Aufzeiger der sich zum einen im Äußeren und zum anderen im Inneren befindlichen Widersprüche des menschlichen Seins. Als bemerkenswert scharfer Beobachter obliegt ihm in einem ungewöhnlichen Maße das Geschick, beratend, herbeirufend oder abwendend in sein eigenes Schicksal oder in das Schicksal derjenigen, die ihn als einen eben solchen Mittler herbeiziehen, einzugreifen.

Wohl nichts neben ihm selbst vermag ihn dergestalt zu begreifen, ist er doch stets ein sich in der ewigen Verwandlung befindlicher Geist, der bisweilen rastlos wandert, weil er nicht, wie viele Weltanschauungen dieser Zeit allein nach innerer, sondern im Besonderen auch stets nach der äußeren Vollkommenheit strebt.

Gemäß seiner Natur zieht es der Magier vor, mit den sowohl ihn selbst als auch mit den die heilige Ordnung des sichtbaren und unsichtbaren Universums umgebenden Mächten in den Dialog zu treten, um seine Handlungen zentrieren zu können. Notwendigerweise schafft er sich hierfür einen Ort, an welchen ihm die Ablenkungen des täglichen Lebens nicht folgen können

Der Magier ist ein überlegter Pragmatiker. Die Vision allein kann seinem Gemüt niemals genügen. Er bedient sich seines Willens, stellt die Welten um sich herum bisweilen auch überaus kompromisslos auf den Kopf, um seine Visionen zum Leben zu erwecken, auf daß sich jene in der körperlichen Welt niederlassen, zu seinem oder auch zum anderer Seelen Nutzen.

Selbst ist der Magier stets in all seinem Denken, Handeln und Sein. Kein Abkömmling der magischen Künste gleicht je einem anderen, noch ist der Plan, dem ein jeder dieser Zunft folgt, mit dem eines anderen magischen Individuums vergleichbar. Er ist ein ewiger Individualist, der aufgrund seiner ihm häufig selbst überlegenen Willensstärke nicht umhin kann, diese in ihre Schranken zu weisen, weiß er doch nur allzu gut, wie nützlich sie ihm in seinem täglichen Gebrauch und der Lenkung der Schicksale ist.

Während im Prüfungsfall für den Magier auf alle Konventionen verzichtet werden muss – im Dienste und Sinne der Vielen im Allgemeinen und des Einzelnen im Besonderen -, demontiert im Äußeren sich leise der Geist der natürlichen Vollkommenheit, weg vom Paradiese zu einer Feuersbrunst auf Erden.

Angesichts der sich desaströs entwickelnden Machtpolitik der heutigen Globalisten stellt sich hier an die Menschheit eine Aufgabe, zu der es Mut, Wahrhaftigkeit und Authentizität bedarf, Eigenheiten, die der Mensch sich nicht aneignen kann, vielmehr müssen sie sich ihm als ein Teil seiner selbst offenbaren.

Die momentane weltwirtschaftliche und –politische Situation – nicht die erste in dieser Form unserer Geschichte - schafft wiederum dieNotwendigkeit der Erweckung und Herausbildung des magischen Gemüts, das verborgen in der Seelentiefe des Menschen schlummert.

Der Magier ist es, der auf jede menschliche und auch unmenschliche Situation anwendbares Wissen unmittelbar aus seiner Erfahrung und aus den ihn umgebenden Kräften gewinnt. Er ist es, der die okkulten Kräfte studiert, diese bewahrt, versiegelt und vor allem dem Volk als verloren gegangenes Eigentum wieder überhändigt.

Die Erkenntnis dient dem Menschen nicht, wenn sie allein im Geist verbleibt

Die Selbsterkenntnis stellt einen heute wesentlichen Aspekt an gelebter Spiritualität dar. Doch der Magier fragt sich indessen, was schlußendlich in der Konsequenz aus ihr gewonnen werden kann. Es scheint allzu häufig, als wäre die Selbsterkenntnis für viele spirituell tätigen Fakultäten das einzig zu erstrebende Erleuchtungsziel ihrer Disziplin. Ein jahrelanger Kampf um die Offenbarung des Ich-bin.

Das Ich-Bin ist wiederum bereits eine unbedingte Maßgabe für die Entfaltung der Kraft einer okkulten Seele, allerdings kann daher der zu beschreitende Weg, wenn wir von steter Entwicklung ausgehen, dort nicht enden.

Die Selbsterkenntnis ist vielmehr nur der kleinste Beginn aller mystischen und spirituellen Entwicklung. Und wer, wenn er sich doch schon selbst erkannt hat, mag sich und anderen nachsagen, seine Entwicklung bereits erahnt, aber niemals wahrhaft angegangen zu sein?

In vielen heutigen, spirituellen Strömungen ist die Selbsterkenntnis durchaus zu Recht Mittel und Weg zu tiefem, inneren Heil, zur menschlichen Ganzwerdung, auf welche jedoch, bei näherem Hinsehen, oft nur noch wenig bis gar nichts mehr folgt.

Daher unterscheidet der Magier stets zwischen verwertbaren, d. h. ihm oder anderen nützlichen, und nicht verwertbaren Erkenntnissen.

Die Heilung und Ganzwerdung als Mittelpunkt des spirituellen Kosmos innerhalb der New Age Bewegung kann dem Magier in seinem geistigen Anspruch nicht genügen, denn er wird von seinen Meistern, gleichwohl ob in stofflicher oder leibhaftiger Form jederzeit auf seine innere sowie äußere Beschaffenheit geprüft und ggf. auf die Schaffung der Grund-Erfordernisse für die magische Disziplin zurückgeworfen.

Denn zu einem Meister wird er reifen, dessen Visionen ewig Bleibendes erschaffen.


Wien, im Mai 2009


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