Autor: Aristophanes
Der empirische Okkultismus ist eine Denk- und Lebensart, die Philosophie, Ethik, Geisteswissenschaft, Versenkung, Kontemplation, Divination, Demut und Disziplin zum Inhalt hat.
Durch den magischen Pfad, die Initiation, d. h. die Metamorphose des Adepten in ein anderes oder neues Paradigma, bei welchem der zunächst Unwissende zu einem Wissenden wird, wandelt sich der Anwender und mit ihm sein Welt-Modell.
Beim Verständnis der praktischen Magie als Lebensphilosophie geht es - Ausnahmen bestätigen indessen selbst hier die Regel – weniger um imponierende Zirkusnummern oder Mental-Tricksereien, damit andere beeindruckt erbeben, als um eine sehr diffizile, da individuelle, vom Anwender ausgehende und folglich primär den Anwender betreffende Form einer persönlichen Welten-Ideologie
Die Magie ist der Weg, der die Seele mit dem Göttlichen vereint, was manche Anwender zu Recht veranlasst, sie als eine persönliche Form der Religion zu betrachten. Wogegen nichts einzuwenden bleibt, auch wenn sich einigen Lesern beim Wort „Religion“ aus bekannten Gründen die Nackenhaare sträuben. Nicht wenige Neuzeit-Magier definieren „Religion“ inzwischen im magischen, mystischen oder neutraler gefasst: spirituellen Zusammenhang schlicht als die Annahme einer (oder mehrerer) anderer Wirklichkeiten oder Welten-Ideologie, die für den Anwender insbesondere eine große Sinn- und Kraftquelle darstellt.
Zur Magie kommen häufig die Charaktere, die nicht von ungefähr die gewöhnlichen Antworten auf die Fragen des Lebens als unzureichend empfinden, denen das Wissen der breiten Masse an einem gewichtigen Punkt nicht genügt oder sich zu viele Antworten auf Fragen des Lebens als widersprüchlich oder gar falsch erwiesen haben. Bisweilen führen genormte Erklärungen zu mehr offenen als beantworteten Fragen und nur das nach bestimmten Regeln Genormte erscheint durch die ebenfalls genormten Erklärungen plausibel. Alles andere bleibt irrational, nicht erklärbar und damit: nicht real. Was bei genauerer Betrachtung unerhört unlogisch ist, denn beispielsweise kennen wir aus anderen Kulturkreisen vermeintlich irrationales Verhalten oder aus der Philologie Wortschöpfungen von uns verborgenen Welten, deren Bedeutung in unsere Sprache nicht übersetzbar ist. Uns bleibt deren Sinn verborgen, solange wir nicht selbst alle Zelte abbrechen, zu diesem Volk zögen und uns durch ihr Vorbild irgendwann jene Emanation des einst unbekannten Wortes offenbar würde.
Andere wiederum empfinden die gängigen gesellschaftlichen Normen als überholt, degeneriert oder unterentwickelt und suchen z. B. nach Hinweisen in der Geschichte der menschlichen Zivilisation, die die Zusammenhänge von Zeitgeist, menschlicher Kultur, Glaubensparadigmen und die persönliche Geisteshaltung verdeutlichen. Anhand der jeweils führenden Glaubenssysteme und die Art und Weise, wie Menschen zu diesen oder anderen Zeiten gelebt haben, lassen sich Rückschlüsse auf ihre persönliche Moral und Ethik, Weltanschauung und Spiritualität ziehen, wenngleich wir auch hier niemals einen Absolutheitsanspruch als wahr annehmen sollten, sondern den Verlauf nur auf die eine oder andere Weise versuchen, zu imitieren. Die Imitation ist wichtig, damit wir das Wesen des Modells nachempfinden können, das abgebildet wurde oder wird.
So hat auch die Normen-Welt ihre Not: Bewegt man sich nur einen Zentimeter von der Norm fort, verändert dies radikal die vorher abgegebene Erklärung und das Ergebnis ist nicht mehr das selbe. Demnach, stellen wir fest, ist die Norm statisch und genormte Werte sind fest und unverrückbar, wenn sie ihre Gültigkeit behalten wollen. Der Neuzeitmensch lebt in einer Welt voll statischer Werte und Ideologien. Und er orientiert sich daran, nicht reflektierend oder über eine schon lange fällige Modifikation nachdenkend.
Dort, wo Wege beschritten werden, die in kein genormtes Schemen passen, beginnt die Welt des Mystikers.
Für diesen stellt sich ein Schlüsselmoment häufig dar, dass die allgemein gültigen Normen (gesellschaftlich, politisch, religiös etc.) dem Einzelnen ab einem gewissen Punkt nicht mehr nutzen und bedeutsamerweise, wenn er mit anderen spricht oder sie beobachtet, feststellt, dass sie auch den Vielen nicht mehr nutzen. Er beschäftigt sich mit der Frage, neue Parameter zu erschaffen, auf die er sich ein- und verlassen kann und die von ihm in Funktionalität, Effektivität und Nutzen erprobt sind.
Der magische Weg liegt jenseits aller natürlich erscheinenden Realität, wodurch sie dem flüchtig Schauenden als reine Fiktion oder Irrationalität erscheint. Was gewissermaßen auch den Vorteil hat, schützt sich die magische Ideologie nämlich dadurch selbst, dass sich der Adept die Funktionalität erst durch das Abschreiten eines langen Pfades und die darin verborgenen Welten Schritt für Schritt erarbeiten muss, damit sie sich ihm offenbart.
Erst durch das unbeirrte Fortschreiten erschließt sich eine tiefere Logik und Sinnhaftigkeit, die den Adepten äußerst befriedigt, war seine Mühe nicht umsonst und bestätigt ihm die eigene Erfahrung nicht selten das, was andere vor ihm und die großen okkulten Meister der Geschichte auf ihrem ganz eigenen Weg erfahren haben. Der okkulte Mentor steht bekanntlich immer vor dem Dilemma, dass er transzendentale und daher abstrakte Erfahrungen mittelbar und für den Einzelnen erfahrbar gestalten soll. Daher wird es nötig, dass er sich seines eigenen Systems bedienen muss.
Der magische Weg gleicht also einem unsichtbaren Pfad, der sich nur zu besonderen Zeiten als Hauch in der realen Welt abbildet. Es macht wenig Sinn, sich über Magie zu unterhalten, wenn man beim Auftauchen eines magischen Nebenschauplatzes lieber schnell die Flucht ergreift, weil man fürchtet, die andere Realität jenseits der bekannten Norm, zu betreten. Diese Angst bezieht sich allerdings weniger auf die Erfahrungen oder die Eindrücke, die man von dort in die Rationalität des Alltäglichen mitnehmen könnte, sondern basiert auf dem Aberglauben, dass man verrückt wird oder als verrückt bezeichnet wird, sobald man andere Realitäten als die genormte betritt. Was mich zu dem Schluss führt: Wahnsinn ist theoretisch überall denkbar. Der Materialist ist mit Sicherheit nicht mehr und weniger wahnsinnig als der Idealist. Und realistisch betrachtet kann man nur mutmaßen, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand des Nachts beim Träumen oder Umherwandeln in einer Welt, die anders ist als die Alltagswelt, wahnsinnig geworden ist.
Die Angst des Beobachters, bei geistig-okkultem Realitätsabgleich in den Irrsinn zu verfallen, ist mindestens ebenso psychologisch auf falschen Annahmen basierend wie irrational.. Es liegt hier wie auch sonst alleinig an der Persönlichkeitsstruktur des Anwenders.
Selbstredend können und werden auch die spirituellen Bereiche gelegentlich von psychisch labilen Menschen als Ventil hergenommen. Genauso häufig, um nicht zu sagen um ein vielfaches mehr (da in der Überzahl) gibt es allerdings kranke „Realisten“, die durch ihr unzumutbares Dogma und zum Teil auch heftigst ausgelebten Fanatismus in die Irrationalität abgleiten. Daher spielt es außer für den Anwender auch keine Rolle, denn der empirische Okkultismus kann sich nur durch den Anwender und seiner diesbezüglichen Begeisterung sowie der stetig voranschreitenden Verwandlung und Veredlung des magischen und menschlichen Charakters offenbaren.
Der Okkultismus enthält eine Vielzahl an Modellen (Paradigmen), zwischen denen sich der Magier hin und her bewegen kann (insbes.die Chaosmagie legt sich hier nicht fest und modifiziert und verwirft magische Modelle je nach Funktionalität). Die meisten Okkultisten legen sich nach einiger Zeit jedoch auf eins oder ein paar wenige favorisierte Modelle fest, die sich innerhalb ihrer magischen Tätigkeiten bewährt haben oder für die sie interessieren. Da sich diese Ausrichtung nach der Beschaffenheit und den persönlichen Neigungen des Magiers richtet, kann an dieser Stelle unmöglich eine Empfehlung für ein alltaugliches Magie-Paradigma gegeben werden. Einige Modelle seien hier aber dennoch für weitere Nachforschungen in der Kürze erwähnt: Geister- oder Schamanenmodell, kybernetisches/Informationsmodell, Energiemodell, Metamodell sowie diverse Mischformen.
Wien im Mai 2010
Copyright © Aristophanes / Anthera-Verlag
Sonntag, 23. Mai 2010
~ Sinnquelle Empirischer Okkultismus ~
Sonntag, 15. November 2009
~ Das Golem-Prinzip - Teil 1~
~ Das verkannte menschliche Potential ~
Autor: Anthera
Der Ursprung und die Herkunft der Golem-Legende ist weitestgehend unbekannt, jedoch sicher mehrere tausend Jahre alt, denn die Erschaffung eines Golems (durch einen „Wissenden“) findet sich u. a. bereits auf altägyptischen Papyri. Aber auch im tibetischen Buddhismus begegnet er uns in Form von durch Menschen erschaffene Tulpas (Wesen, die auch von anderen Menschen wahrgenommen werden können, s. dazu als Anregung z. B. die Aufzeichnungen von Alexandra David-Néel).
Das Prinzip der Erschaffung eines künstlichen Wesens zum Dienst am Menschen ist also schon mindestens seit 3000 Jahren bekannt. Es scheint sich hierbei um ein archetypisches Abbild geistig-seelischer Wirk-Prozesse zu handeln. Fast jeder kennt heute die schaurig-schönen Romane des Okkultisten Gustav Meyrink, aber auch ein Johann Wolfgang von Goethe u. a. Mystiker kamen am künstlichen „Mann aus Lehm“ nicht vorbei.
Wenn wir bei den Vorstellungen und unterschiedlichen Sagen der Golems dieser Welt verweilen, treten in uns zeitweise recht fremdartige Emotionen auf: ein beklemmender Beigeschmack gepaart mit Faszination und im Unterbewusstsein verankert das ungute Gefühl, der Mensch versündige sich, indem er die Schöpfung Gottes imitiert. „Wenn der Mensch Gott spielt“ scheinen uns diese Legenden zu mahnen.
Der Golem ist eine von einem „eingeweihten“ Menschen erschaffene und unabhängig von ihm lebende Wesenheit, entstanden aus einer kraftvollen Gedankenform, die – so der Zweck seiner Erschaffung – nach dem Sinne und den Befehlen seines Schöpfers agiert. Die bekannteste Golem-Legende geht auf Rabbi Löw, ein jüdischer Kabbalist im Prag – dereinst übrigens okkultes Zentrum im Europa – zurück, der nach einer Vision einen Golem erschuf, um das jüdische Volk im Prager Ghetto vor feindlichen Angriffen zu unterstützen.
Der bekannte Prager Golem
Mit zwei Helfern und unter Einbeziehung aller 4 Elemente formte genannter Rabbi Löw einen „Mann aus Lehm“ und hauchte ihm seinen Atem ein. Außerdem schob er ihm ein Pergament in den Mund, auf dem der geheime Name Gottes stand. Nur mit dieser Formel erwachte Klumpen aus Lehm zum Leben. Rabbi Löw hat zweifelsfrei existiert, nach Hinweisen auf die Existenz seines Golems ist immer wieder gesucht worden. Vergebens.
Der Golem wurde nach der Legende des nachts in die Prager Straßen geschickt und kontrollierte jeden vorbeikommenden Mann, ob er nicht ein totes Kind bei sich trug, das er in die Judengasse warf, damit man den Mord später den Juden anlasten konnte. Außerdem fegte er die Synagoge und läutete die Glocken. Damit ihn keiner sah, trug er ein Insofern war der Golem doch durchaus ein nützlicher Diener. Wann oder warum wendete sich der Golem jedoch vom Auftrag seines Herrn ab und ging in die Zerstörung über?
Dieser Zeitpunkt kam, als Rabbi Löw einmal vergaß, dem Golem – wie an jedem Sabbat – den Zettel mit dem Gottesnamen aus dem Mund zu nehmen. Der Golem stürzte daraufhin durch die Prager Straßen und zerstörte alles, was ihm auf seinem Weg begegnete..
Die Moral von der Geschichte scheint die Warnung vor der Schöpfung des Menschen. Denn der Mensch sei nicht vollkommen und könne daher auch keine vollkommenen Geschöpfe hervorbringen.
Schauen wir aber noch auf ein weiteres, viel älteres Beispiel einer Golem-Legende, das sich auf dem Papyrus Vandier befindet.
Die dort beschriebene Geschichte, die nach dem unbekannten Autor, ebenfalls auf einer wahren Begebenheit beruhen soll, ist diese:
Der (vergessene) altägyptische Golem
Großwesir Sisobek (7. Jahrhundert v. Chr.) wurde während einer Krankheit von seinen Beratern geweissagt, dass er nur noch 7 Tage zu leben habe. Es bestünde allerdings die Möglichkeit zur Abwendung des herbeieilenden Todes, wenn sich jemand an Sisobeks Stelle in die Unterwelt begab und dort Fürbitte für diesen halte, auf dass ihm vom höchsten Gott der Unterwelt seine volle Lebenszeit gewährt werde.
Auf die Frage, wer an seiner Stelle in das Totenreich hinabsteigen könnte, erinnerten sich die Berater des Wesirs an Merire (auch: Mi’jare). Denn Merire war um ein vielfaches weiser und mächtiger als sie.
Sodann wurde dem Großwesir der weise Merire geschickt, der als einziger den Gang in die Unterwelt bewältigen konnte. Merire war nicht nur ein ausgezeichneter General, sondern auch ein Eingeweihter in den magischen Mysterien.
Merire nahm dem König das Versprechen ab, sich während seiner Abwesenheit um Frau und Sohn zu kümmern und stieg hinunter in die Unterwelt. Im Totenreich erfuhr er schließlich, dass der Wesier alle seine gegebenen Versprechen gebrochen hatte. Er ließ Merires Sohn töten, das Haus verkaufen und nahm seine Frau zu seiner Gemahlin.
Vom Totenreich aus war es Merire jedoch nicht möglich, in das Reich der Lebenden zurückzukehren, deshalb formte er einen Stellvertreter aus Lehm – einen Golem – um sich in der Oberwelt am Großwesir und seinen Beratern rächen zu können.
Das magische Prinzip leuchtet ein: Merire formt einen Stellvertreter seiner selbst, den er an seiner statt in die Welt der Lebenden sendet, um die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfuhren, zu vergelten.
Interessanterweise gab es zur damaligen Zeit ein Amulett-Motiv, das häufiger auftrat und sehr beliebt bei den Ägyptern gewesen war. Es stellt ein „Gegengewicht“ dar und symbolisiert Harmonie, den Ausgleich der Kräfte und die Wiederherstellung der Ordnung. Unrecht würde schneller vergolten und Unglück schneller in Glück verwandelt (eine Darstellung eines solchen Amuletts findet sich z. B. im Pariser Louvre und trägt den Namen des Pharao Psammetich, zu dessen Zeit Sisobek Großwesir war).
Die Legende endet damit, dass Merire mithilfe seines Golems Gerechtigkeit zuteil wurde, die Ungerechten wurden bestraft, die Götter der Unterwelt verhalfen Merire zu seinem Recht und die Intriganten wurden in die Unterwelt gezogen, wo sie vom gefräßigen Monster des Totengerichts, der Unterweltsgöttin Ammit, verschlungen wurden.
Zwei Golem-Legenden mit unterschiedlichem Verlauf und unterschiedlichem Ausgang. Über das Schicksal des ägyptischen Golems wissen wir nichts, der unvollständige Papyrus bleibt uns hier eine endgültige Antwort schuldig.
Aus anderen Mythen zur Zeit der Pharaonen hören wir von Golem-Geschöpfen, die an Maschinen erinnern und die mit „Wasser“ vernichtet bzw. deaktiviert wurden. Interessant ist hier allerdings die offenkundig magische Technik, die den Golem-Legenden zugrunde liegt.
Anthera, im November 2009
Copyright © Anthera-Verlag / Anthera
Donnerstag, 27. August 2009
~ Über die Ego-Mörder ~
Autor: Aristophanes
Was liest man doch immer wieder in der so blumig-schönen, ratgebenden Esoterik-Kultur?
Das Ego, was wir lieb und teuer da hegen und pflegen ein Leben lang, hat sich zum Herr über uns erhoben und peinigt jene, die da egofrei und an sich selbst zuletzt denkend, für andere stets Gutes tun. Und in ihrer Güte lassen es diese nicht dabei bewenden, anzuprangern die da noch (oder wieder) Ego und Stolz in sich vereinen. Das Ego als Motor und den Stolz als Maßstab, damit man sich irgendwann einmal nicht dahinsiechend wiederfindet, völlig enthemmt, niedergerungen und degeneriert vom Schlachtfeld des letzten großen Krieges, indem es nicht um Leib um Leib, sondern Seele um Seele geht.
Wie Jahrmarktschreier sind sie aus dem Boden geschossen, all die guten und Recht schaffenden Erleuchter, die da zunächst nur das eigene Mitwirken als Pfand verlangen, das unermüdliche Sich-Einbringen in ihre Werte und in ihre Kreise, und die sich für gewöhnlich einen Weg über die Verletzungen der Seele in die Herzen der „wahrhaft Schauenden“ bahnen.
Bahnbrechend ist das egolose Konzept also. Und heilbringend. Vermeintlich. Denn es bleibt ihm nicht viel, wenn er sich für ein wildfremdes Ideal vergibt.
Wir lernen aus der Erleuchtungs-Kultur: Nur der egolose Mensch ist imstande, zu erkennen, zu welch kostbaren Taten er fähig wäre, würde er nicht länger in seinem, sondern allein im Sinne der Vielen handeln. Als erleuchteter Mensch hat er sich in Bezug auf seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zurückzunehmen und diese gar in den Hintergrund zu stellen, stets das Vorbild jener vor Augen, die so selbstlos Anweisungen erteilen, wie man ein solch egoloses Leben erreichen wird.
Tod dem Ego lautet scheinbar die Befreiungsformel unserer Zeit. Doch welcher Teil des allumfassenden Geistes ist es, der da laut den Tod des Egos fordert?
In Wahrheit kommt man nicht um die Erkenntnis herum, dass es das eigene Ego sein muss, das sich hier zum Allgott der Vielen erheben will, weil es keinen Nebenbuhler duldet und weil es sich maßlos und ohne eine irdische und überirdische Konkurrenz, über die Infizierung anderer zu vermehren sucht.
Das eigene Ego, Erhaltungsmotor unseres Lebens, liegt heute also häufig fehl interpretiert und geschunden innerhalb menschlicher Scherbenhaufen. Denn dort, wo sich die egolose Gruppe mit einem übergeordneten Ziel allzu oft als ein schwarzes Loch entpuppt, in das jeder über sein Ego-Ich, das den Wunsch hat, sich über andere zu erheben, hineingesogen und jedes Seelenlicht auf Dauer ausgelöscht wird, weil es keine Nahrung mehr bekommt, die die Lebensflamme erhält, kann nicht Licht, Liebe und Erleuchtung am Werk sein, sondern Dunkelheit, Tod und seelische Verarmung.
Tatsächlich ist es das Blendwerk eines Demiurgen, sich der Täuschung hinzugeben, das Ego wäre uns in unserer Entwicklung ein Hindernis und lenkte uns direkt in die Abgründe unserer Existenz.
Gepaart mit der Herausbildung unseres magischen (= absoluten) Willens, und in Übereinstimmung mit den edlen Tugenden und dem individuellen, ethischen Anspruch eines Kurators der okkulten Zunft ist uns das Ego, wenn wir es zu einem Instrument formen, das uns und der Erreichung unserer Ziele untertan ist, ein mächtiger Begleiter, um die Wirren der geistigen Lehren unterscheiden und uns von ihnen distanzieren zu können, bevor uns der Sog in das schwarze Loch noch weiter von unserer eigenen Entwicklung entfernt.
Oder haben Sie je einmal einen Gedanken daran verloren, wohin die Dynamik einer Gruppe Ihre Lebenskraft zieht? Wie kann ein derartiges Ziel im Interesse „der Menschheit“ aussehen? Ich habe das in den letzten 30 Jahren immer wieder gefragt und keine handfeste Antwort darauf erhalten. Zuviel sagt nichts aus.
Vielerorts hört man stattdessen schwammige Phrasen wie der Sinn von Weltfrieden.Wieso meint ein „egoloser“ Mensch, er wäre für den Weltfrieden verantwortlich? Für mich ist das Hochmut, geboren aus dem Ego, woraus ich zu schließen geneigt bin, dass sie dort, wo das Ego am meisten transformiert, negiert, verspottet und ins Nirvana aufgelöst werden will, Abgründe reinster Ego-Natur auftun. Schlimmer als je zuvor, denn wer will schon freiwillig sein Selbst zu Grabe tragen?
Ohne Ego gäbe es auch keine Selbstfindung mehr, denn das Ego ist Wegweiser zu uns selbst. Es ist jenes Medium, welches das Selbst im Außen verkörpert.
Wenn wir das Ego komplett ignorieren oder gar ausmerzen, dann kommt auch nichts mehr zu uns herauf, was unserem Ich-Bin entspricht. Mit Gewalt verstummt es zunächst, um sich im besten Fall irgendwann in einer Depression aus der Verbannung in uns zu befreien.
Ego, Selbst und Wille gehören zusammen und interagieren miteinander. Durch Achtsamkeit und Pflege können wir das Ego formen. Es wird uns dann nicht länger ängstigen oder beherrschen, sondern eine nützliche Hilfskraft werden, die unsere individuelle Ethik verteidigt und unsere persönlichen Vorstellungen von einer uns unmittelbar umgebenden, gerechten (Um)welt im Einklang mit unserer Selbstverwirklichung realisiert. Ein mächtiges Ego schützt uns vor mannigfacher Manipulation, vor Menschen mit niederen Absichten, es erkennt uns Wohlgesonnenes und sondert für uns negative Erfahrungen aus. Denn es ist neben dem „Ich will.“ Auch für das „Ich will nicht“ verantwortlich.
Um diesen Willen zu brechen und um die Seelen zu verwirren, damit sich der Mensch nach Möglichkeit immer an jemanden hält, der ihm in Sachen Ethik und Moral den Weg zeigen kann, wurde von höchster Stelle der Plan eingespeist, das menschliche Ego durch bestimmte spirituelle Strömungen zu vernichten.
Wenn Sie das nächste Mal an jemanden geraten, der Ihnen sagt, sie müssten erst einmal Ihr Ego transformieren, bitten Sie um eine genaue Stellungnahme, was an Ihrem Ego nicht konform ist. Drängen Sie weiterhin darauf, Ihr Ego nach Ihrem Ermessen jederzeit einbeziehen zu dürfen. Und überraschen Sie Ihr Gegenüber, indem Sie sich so verhalten, wie er es nicht erwartet: „Bitte, mein Ego ist mein hoch geschätzter Privatsekretär, der handelt ausschließlich in meinem Sinn.“
Wien, im August 2009.
Copyright © Anthera-Verlag / Aristophanes